Überführung Palma de Mallorca – St.Cruz de Tenerife. 21. Oktober – 8. November 2004
Mal was anderes
als die Buchtentörns in der Ägäis, die ich die letzten Jahre gefahren hatte.
Ich will nicht
immer im Kreis fahren.
Eine Lagoon 380, mein erster Kat. Drei Wachen zu Zweit,
also sechs Mann.
5 Mitsegler wurden gefunden. Pläne wurden gemacht,
Seekarten ersteigert, Revierinfos gesammelt, Flüge gebucht, Crewtreffen
organisiert, und Einkaufslisten erstellt. Wie ging so was früher eigentlich
ohne www und Email? Leider sprang ein Crewmitglied 3 Wochen vor Törnbeginn
ab und wurde auf die Schnelle durch einen Unbekannten über Internet ersetzt.
Gert aus Berlin, der sich als Glückstreffer erwies. Überhaupt war ich nur mit
zweien meiner Crewmitglieder zuvor schon gesegelt und kannte sie als seefest
und zuverlässig. Zwei kannte ich zwar als Kollegen, war aber nie mit ihnen auf
einem Schiff gewesen.
Je näher der Oktober kam, desto mehr Sorgen machte mir
das. Was, wenn wir tagelang Sturm
haben? Würde ich in der Lage sein, das Schiff bzw. die Mannschaft auch unter
solchen Bedingungen zu führen? Schiffe halten ja im Allgemeinen wesentlich mehr
aus als die Crew (incl.Skipper). Auf dem Atlantik kann man sich nicht einfach
in einem Hafen verkriechen und der Flieger in St.Cruz wartet auch nicht.
Drei Tage vor unserem Abflug rief ich unseren
Charteragenten an, weil sich unter der Handynummer des Vercharterers in
Mallorca, den ich noch nach verschiedenen Ausrüstungsgegenständen fragen
wollte, niemand meldete.
Dabei erwähnte er, dass das Boot nicht, wie in der
Infomappe angegeben, am Pantalan de la Cuarentena, sondern in der Marina
Alboran liegt. - Gut zu wissen, schließlich will man dem Taxifahrer ja sagen
können wo man hin will und die Bucht von Palma ist groß und hat einige
Yachthäfen.
In Palma angekommen, meldete sich der Vercharterer
glücklicherweise am Handy und eröffnete uns, dass die „Boreas“ noch mal
woanders liegt: an der Muelle de Pescaderos.
Schon mal ärgerlich, denn wir waren nicht alle mit
demselben Flug gekommen, sondern erwarteten am Abend noch einen Mitsegler, der
nun die falschen Informationen hatte.
Unser Zeitplan war knapp, 1300 nm in 16 Tagen,
schließlich wollten wir auch ein paar Hafentage in Marokko und auf den Kanaren
und vor allem durch die Straße von Gibraltar,
die bei starkem Westwind wegen der permanent ins Mittelmeer stehenden Strömung, die alle 6 Std. von
der Tidenströmung noch verstärkt, oder aber abgeschwächt wird, für uns
unpassierbar ist. Die Straße ist eine berüchtigte Düse. Wenn auf dem Atlantik 6
Bfd Westwind herrschen, sind es in der Straits 8 oder 9.
Das war meine größte Sorge, darum wollte ich um
Mitternacht los und nonstop nach Ceuta, um möglichst viel Reservezeit zu haben.
Aber wie sagt Jürgen, mein Coskipper immer: „Pläne sind
dazu da, verworfen zu werden.“
Die Boreas war nicht segelklar. Reinigungscrew und
mehrere Techniker waren an Bord. Man hatte uns angeblich einen Tag später
erwartet. Als wir nach drei Stunden endlich an Bord konnten und die Segel
besichtigen, stellte ich fest, dass die Fock in einem recht schlechten Zustand
war und zum Segelmacher musste. Schließlich ging es auf den Atlantik.
Angel, der Chef der Charterfirma, hat das zwar gleich
eingesehen, aber der Zeitplan war beim Teufel, zumal auch das Radar noch nicht
funktionierte und einige Seekarten fehlten. Angel versprach uns den
Radartechniker für den nächsten Vormittag um 8 Uhr und das Segel für 10 Uhr.
Meine Nerven waren etwas angespannt und ich befürchtete das Schlimmste, aber am
Freitag den 22.Oktober um 12:54 Ortszeit konnten wir tatsächlich auslaufen. Mit
11 Stunden Verspätung, denn mein Zeitplan und die Bordzeit sind UTC.
Etappe
1

Die erste Etappe, durchs westliche Mittelmeer, nach Ceuta
begann mit strahlendem Sonnenschein und 25°C, aber ohne Wind, also unter
Maschine und das blieb auch den nächsten und den übernächsten Tag weitgehend
so.
Die Bordroutine stellte sich schnell ein, Gert erwies
sich als begeisterter und begnadeter Koch und die Stimmung war, trotz Tag und
Nacht lärmender Maschine, prächtig.
Als wir uns am Sonntagnachmittag Kap Gata näherten,
zeichnete sich ab, dass der Diesel unter diesen Bedingungen nicht bis Ceuta reichen
würde und wir entschlossen uns, die Küstennähe zu nutzen und nachzubunkern.
Almeria, hinter dem Kap, hätten wir erst am späten Abend erreicht, also hielten
wir auf eine größere Ansammlung von Häusern zu, wo wir einen Hafen vermuteten.
Detailkarten der Küste waren nicht an Bord. Es stellte sich heraus, dass wir in
Carboneras eingelaufen waren, wo es tatsächlich einen Fischereihafen mit
Tankstelle gab, die allerdings Sonntags geschlossen ist.
Trotzdem gelang es uns durch den hervorragenden Einsatz
der Crew nach zwei Stunden mit vollen Tanks wieder auszulaufen. Ein deutscher
Segler, der in Carboneras lag und mit dem ich mich unterhalten hatte, sprach
davon, dass das Kap eine Wetterscheide sei. Er behielt eindrücklich Recht: Kaum
um die Ecke, wurde es dunstig. Später Nebel, Regen und zunehmender Wind aus NW.
„Almeria harbour closed”, hörten wir auf Kanal
16, „due to fog“. Nacht, Regen, 6 Bfd hart am Wind, Sicht nahe Null,
langsam baute sich etwas Windsee auf. Die Gläser, die drei Tage wirklich
problemlos auf dem Salontisch stehen gelassen werden konnten, begannen zu
rutschen. Eigentlich wollte ich an Alboran vorbei, nach Ceuta. Aber jetzt waren
wir ohne Sicht zwischen Küste und der Schifffahrtstraße, die mit 300 Schiffen
pro Tag von der Straße von Gibraltar zum Kap Gata führt. Sehr dankbar war ich
hier für das funktionierende Radar. Trotzdem entschloss ich mich, die
Schifffahrtsstraße nicht schleifend zu queren, sondern Kurs Gibraltar zu
halten. Gut frei von der Berufsschifffahrt, die in endloser Kette auf dem
Radarschirm vorbeizog. Den ganzen Montag änderte sich das Wetter nicht.
Regengüsse, Wind von vorn und zunehmender Seegang. Die „Boreas“ bockte und der
Lärm, der entstand, wenn eine Welle das Brückendeck traf oder einer der Rümpfe
ins Wellental knallte, waren dem Schlaf ziemlich abträglich. Auch die
Nahrungsaufnahme wurde von den meisten weitgehend eingestellt. Bei den
unerfahrenen Crewmitgliedern konnte man eine gewisse Besorgnis auf den
Gesichtern ablesen. Worte wie „Sturm“ waren zu hören.
Als Dienstag früh der Regen aufhörte und es bei
Sonnenaufgang aufklarte und Punta Europa
in Sicht kam, besserte sich die Stimmung schlagartig.
Wir querten die Schifffahrtsstraße mit prächtigem halben
Wind und steuerten Ceuta an. Punta Europa im Hintergrund.
In Ceuta gab es erst einmal Diesel und Wasser, dann einen
ausgiebigen Stadtrundgang und ein Abendessen im Freien. Zwischendurch wurden
auch ordentlich Lebensmittel gebunkert.
Radio Tarifa sagte für Dienstagnachmittag Südwestwinde
der Stärke 8 vorher. Erwartet um 1500 im Seegebiet
Casablanca und Sao Vicente und um 1800 in Alboran. Dazwischen liegt „estrecho“,
die Straße von Gibraltar. Worst case – keine Chance unter diesen Bedingungen
durch die straits zu kommen. Wir beschlossen also, unter Berücksichtigung der
Tide um vier Uhr früh auszulaufen um vor dem Tiefausläufer nach Tanger zu
kommen und dort abzuwettern. Allerdings setzte sich mein Schlafbedürfnis gegen
das lächerliche Gepiepse des Handyweckers durch und so war es doch fünf Uhr
früh, als wir aus und in die Strasse von Gibraltar einliefen.
Etappe
2

Die Strategie ging auf, wir hatten nur leichte Winde in
der Strasse von Gibraltar. Wir
kamen gut voran, obwohl wir ohne Rücksicht auf Tide und
Neerströme einen direkten Kurs zwischen der Afrikanischen Küste
und dem Verkehrstrennungsgebiet wählten. Roberts Bemühungen um Frischfisch
fruchteten leider auch hier nichts.
Um 10:00 hatten wir Tanger in Sicht und konnten mit dem
auffrischenden Westwind die letzten Kabellängen in die Bucht anliegen.
Tanger !
Willkommen in Afrika.
Leider gab es zu unserer Ankunft wieder einige
Regenschauer. Die Offiziellen kamen an Bord und sammelten die Pässe ein. Auf meine
Frage, wann wir die zurückbekommen wenn wir am nächsten Morgen auslaufen
wollen, hieß es: Pas de problème, um 07.30 könnten wir die im bureau
d'immigration abholen.
Die Crew machte einen Ausflug in den Souk und war ob der
fremdländischen Kultur sehr beeindruckt. Endlich bekamen wir die orientalischen
Gewürze für unsere Kombüse. Jürgen weigerte sich aber standhaft, den von
Richard favorisierten Teppich für den Salon zu kaufen. Ich suchte einen Barbier
auf, um mich für 1,4 € rasieren zu lassen. Inklusive Gesichtsmassage, sehr
entspannend!
Der Wetterbericht sah nicht richtig gut aus, der Tiefausläufer war noch nicht
durch. SW auffrischend auf 7 bis 8; Seegang 5 (grobe See), wurde für Donnerstag
prognostiziert. - Wieder genau auf die Nase.

Also nicht gleich Donnerstag früh auslaufen, erst mal
abwarten.
Mais pas
d'obligation! von unserem Koskipper
Tanger – was für ein
faszinierender Name! Soldaten, Künstler, Schriftsteller, Dissidenten,
Auswanderer und Flüchtlinge aller Couleur hatten hier schon gelebt und ihre
Spuren hinterlassen: Seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. ein punischer Hafen,
wurde die Stadt am südwestlichen Ende der Straße von Gibraltar von den Berbern,
Römern, Arabern, Portugiesen, Spaniern, Engländern, später wieder von den Spaniern
und seit 1956 schließlich von den Marokkanern beherrscht.
Zwar hatten wir nie geplant, in
dieser 320.000-Einwohner-Metropole Station zu machen, doch eine
Starkwindwarnung ließ uns die Stadt anlaufen. Zudem hatten wir im westlichen
Mittelmeer durch ein Missgeschick eine unserer Winschkurbeln im Salzwasser
versenkt, und da wir keine Ersatzkurbel dabei hatten, folglich nur noch eine,
mussten wir hier unbedingt eine beschaffen.
Doch zunächst machte ich mich
alleine auf den Weg in die große, fremde Stadt. Afrika! Zum ersten Mal – vom
spanischen Ceuta abgesehen – betrat ich afrikanischen Boden, arabischen zudem.
Es gab also viel zu entdecken. Und ich entdeckte einiges!
Tanger, oder wie man auf
Arabisch ganz weich ausspricht: „Tanscha“, bietet ein unbeschreibliches Gemisch
von Kulturen, Gerüchen und Geräuschen.
Ich hatte das Hafengelände kaum
verlassen, als mich ein einheimischer Passant gleich am „North Face“-Anorak als
Touristen erkannte und in mehreren europäischen Idiomen ansprach. Deutsch
verstand er ganz gut, und da ich ihm nicht sagen konnte, wo genau ich hin will,
führte er mich schnurstracks über eine Treppe und durch einen schmalen Torbogen
in die Medina, die Altstadt, „mit typischem Sackgassengrundriss“, wie mir mein
Lexikon später erklärte. In der Tat: die Gassen waren schmal und extrem
verwinkelt, und mein selbsternannter Reiseführer ging so schnell voraus, dass
selbst ich Langbeiniger Mühe hatte, ihm zu folgen, zumal sehr viele Menschen
sich durch die kaum mehr als zwei Meter breiten Gassen bewegten. Ich kam mir
vor wie in einem Film, der zu schnell abgespielt wird. Nach wenigen Ecken hätte
auch mein Segler-Orientierungssinn mich hier nicht mehr herausfinden lassen.
Da er mich mit den schlechten
Turnschuh-Imitaten von „Adidas“ nicht beeindrucken konnte, fragte er nach
weiteren Einkaufswünschen. Gewürze sollten es sein, für unsere
Feinschmecker-Bordküche. Also brachte er mich nach weiteren zwei Minuten und
200 Ecken zu einem befreundeten Händler, der mir verschiedenste Gewürze,
Heilkräuter und Düfte unter die Nase hielt und dazu in versiertem
Englisch-Deutsch-Französisch erklärte, wofür oder wogegen man sie verwenden
kann. Aber dann ging’s natürlich ans Kaufen!
Ich entschied mich dagegen, ihm
das komplette Sortiment abzunehmen und ließ mir Kreuzkümmel, Kurkuma, weißen
Pfeffer und Zimt einpacken – zu teuer zwar, aber die freundliche, multilinguale
Präsentation entschädigte mich dafür.
Mein Reiseführer hatte brav
gewartet, aber er war noch nicht zufrieden mit meiner Kauflust und schleppte
mich weiter zu einem Kunsthandwerk-Händler, der mich sogleich in den ersten
Stock in die Teppichabteilung entführte. „Mais pas d’obligation“ – aber ohne
Verpflichtung, fügte er beschwichtigend hinzu. Dort oben bekam ich zuerst einen
Sitzplatz und einen köstlichen Pfefferminztee in bester arabischer Tradition
angeboten, bevor der Händler mir in ausgezeichnetem Französisch die Geschichte
Marokkos, der Nomaden und der Teppichwebkunst umfassend dar- und dazu Teppich
um Teppich vor mir auslegte. Er nötigte mir Bewunderung für den unermesslichen
Formen- und Farbenreichtum der Berberteppiche ab, ermittelte meine
Lieblingsfarben und die Liste der Verwandten und Freunde in Deutschland, die
ich unbedingt mit einem solchen Spitzenprodukt nordafrikanischer Handwerkskunst
beglücken wolle. Und er zeigte mir stolz sein Auftragsbuch mit Adressen in
aller Welt, an die sich Touristen die gewobenen Kostbarkeiten hatten schicken
lassen.
Doch als er mir seinen ersten
Preisvorschlag unterbreitete, fing ich an, mich darüber zu ärgern, dass ich ihm
gleich mein bestes Schul-Französisch (fast 20 Jahre alt) offenbart hatte. Sonst
hätte ich mich jetzt noch mit einem Schulter zuckenden „nix verstehn“ aus der
Affäre ziehen können.
Nun, selbstverständlich würde
er statt der Landeswährung Dirham auch Euro-Noten akzeptieren. Zwar erklärte
ich ihm, dass der geforderte Preis viel zu hoch sei und ich mein Geld vielmehr
für Dieselöl und Lebensmittel sparen müsse, doch sogleich bot er mir seinen
Angestellten als Träger an, der eingedenk meiner Geldknappheit den Kaufpreis
auch gern bei meinen Mitseglern einsammeln würde. Nun trat auch noch mein
Reiseführer auf den Plan, und es entspann sich unter den drei Marokkanern ein
lauter werdendes Streitgespräch. Womöglich beschwerte sich der Teppichhändler,
dass man ihm keinen kaufwilligen Touristen mitgebracht hatte, sondern einen
sturen Konsumverweigerer mit lausigen zehn Euro in der Tasche. Als mein
Reiseführer dann unter Flüchen den Saal verließ, ergriff ich die Gelegenheit
und heftete mich an seine Fersen, um nicht alsbald mit einem Krummdolch
zwischen den Rippen auf einem dieser Berberteppiche zu enden.
Nun war aber Schluss mit
lustig! Ich bat meinen Reiseentführer, mich umgehend zum Hafen zurück zu
bringen. Das tat er zwar, aber nun wollte er seinerseits noch ein Honorar für
seine Stadtführung: 20 Euro – Sonderpreis, denn üblich seien bei ihm 40.
Gegenargumente halfen da wenig, denn deutsches Zivilrecht, speziell der
Abschnitt über nicht bestellte Dienstleistungen, gilt hier nicht. Ich drückte
ihm also zähneknirschend meinen letzten 10-Euro-Schein in die Hand und verzog
mich eilig ins sichere Hafengelände, die Gewürzetüte fest umklammert. Ein
bisschen Gegenleistung für das viele Geld wollte ich doch noch bis aufs Schiff
retten. Zum Glück hatte ich nur wenig Bargeld mitgenommen und auch die Kamera
auf dem Boot gelassen, sonst hätte ich wohl wirklich die Minolta gegen einen
schräg gewobenen Fusselteppich eintauschen müssen.
Das alles war mir dann
vorläufig genug Marokko, und ich freute mich wieder auf die Freiheit des
Atlantiks.
Die
Drei-Stunden-Winschkurbel
Doch da gab es noch ein Mission
zu erfüllen: Winschkurbel kaufen. Anderntags war ein Taxi an den Hafen
bestellt, dessen Fahrer uns helfen sollte, in diesem Nicht-Seglerzentrum ein solches
unersetzliches Ersatzteil aufzutreiben. Mein Begleiter war Richard, zwar des
Französischen nicht mächtig, aber dafür handwerklich begabt, was man von mir
nur sehr bedingt behaupten kann.
Mohammed, unser Französisch
sprechender Taxifahrer, tat sein Bestes, und so lernten wir die große, fremde,
staubige, abgaserfüllte Stadt schnell kennen. Yachtausrüster gibt es hier
nicht, Fischer brauchen so etwas nicht, reiche Motorbootfahrer ebenso wenig,
und Werkzeughändler oder Metallwerkstätten hätten bestenfalls nach unserer
Musterkurbel und Richards improvisierten Konstruktionszeichnungen eine zweite
herstellen können. Eine Wartezeit von einem Tag oder gar mehr auszuhandeln,
wäre allerdings in unserem Zeitplan nicht möglich gewesen.
Nach etwa 38 Kilometern, die
wir durch den Moloch mäandert waren (Richard litt ziemlich an der schlechten
Luft), fanden wir einen sehr gepflegten Yachtausrüster mit Handy, weißem Hemd,
ebenso gepflegtem Englisch und: er hatte eine Winschkurbel! Doch er verlangte,
arabisch lächelnd, 75 Euro dafür! Inklusive Mehrwertsteuer, Einfuhrzoll usw.,
wie er uns vorrechnete. Unsere Empörung half uns nichts: die oder keine. Und
„Geht nicht“ gibt’s nicht! Das war unser Auftrag. Also warfen wir dem
nautischen Wegelagerer 75 Euro in den Rachen und trollten uns. Einziges
Problem: dieses Stück Weicheisen war seltsam verbogen und so sicher nicht zu
gebrauchen. Also neues Etappenziel: eine Werkstatt mit großem Schraubstock.
Auch so eine fand unser extrem ortskundiger Chauffeur Mohammed, und für einen ausnahmsweise
realen Preis von 3 Euro bog und hämmerte uns der Geselle die Kurbel auf den
erforderlichen Winkel zurecht. Wenn die jetzt noch abgebrochen wäre, dann gute
Nacht!
Mohammed wollte für seine drei
Stunden Schnitzeljagd auch noch 36 Euro haben, die wir ihm aber gern gaben,
denn ohne ihn hätten wir keine Chance gehabt.
Ich fasse also zusammen: stolze
114 Euro hat uns diese Kurbel gekostet, doch – Ironie des Schicksals – nur drei
Stunden später ging auch diese unglücklich über Bord! Wir hatten diesen
Blechprügel also genau so lang an Bord, wie wir nach ihm gejagt hatten!
Jürgen
Die Abordnung Richard und Jürgen vertrieb sich die Zeit
damit, mit ihrem Taxifahrer Mohammed die am Mittwoch abgebrochene Suche nach
Ersatz für unsere schon vor Ceuta über Bord gegangene Winschkurbel
fortzusetzen, während ich von 8 bis10
wartend auf unsere Pässe im Hafenverwaltungsgebäude verbrachte. „Asseyez vous, il vous faut attendre“.
Ich hasse Warten. Um 10 kam dann endlich der zuständige Beamte und erzählte mir
jovial, dass er erst vor einer halben Stunde mit dem Zug von den
Beerdigungsfeierlichkeiten einer Verwandten gekommen sei. Anscheinend erwartete
er ein Lob darüber, dass er sich so beeilt hatte. Dann verkündet er, ich soll
zum Schiff, er käme dann.
Die Windvorhersagen waren mit dem morgentlichen Bulletin
auf 4-6 zurückgenommen worden und ich wollte los.
15 Minuten später kam er dann, klagend über sein schweres
Los die hohe Bordwand trotz seiner Körperfülle erklimmen zu müssen, setzte sich
in den Salon und wollte die Hafenpässe der Crew einsammeln. Leider war aber die
Winschkurbelcrew noch immer nicht aufgetaucht, was ihm im Grunde sehr gelegen
kam. Gegen einige Geschenke für seine Kinder, von denen er mir ein Bild auf
seinem Fotohandy zeigte, bekamen wir die Pässe trotzdem. Sonst hätte er ja noch
mal an Bord klettern müssen.
Er bediente sich gleich selbst aus dem Kühlschrank,
Schokolade, O-Saft, etc. und hatte auch gleich vorsorglich eine Tasche
mitgebracht.
Als die Jungs mit der Winschkurbel um 11 dann wiederkamen
ging es bei leichten, natürlich aus SW wehenden Winden und Sonnenschein hinaus
auf den Atlantik.
Die Heimat des Seemanns ist die See, nur da fühlen wir
uns richtig wohl.
Allerdings dauerte das Wohlbefinden in diesem speziellen
Fall nicht sehr lange, der Regen holte uns ein, aber endlich kam der Wind mal
querab, aus westlichen Richtungen. In einer Böe mit 7Bfd sahen wir 11,5 Knoten auf der Logge. Das
dauerte leider nur wenige Stunden. In der Nacht zu Freitag wurde der Regen
heftig, die See rau und der Wind blies uns wieder auf die Nase.
Gerade als ich mich nach meiner Wache um 03.00 in die
Koje hauen wollte, tat es einen Schlag, dass ich ernsthaft dachte, die
Fockwinsch hätte es aus ihrer Verankerung gerissen. Es war aber nur die
Fockschot gebrochen. Bis Jürgen und ich die Fock eingerollt hatten, hatte sie
allerdings schon ziemlich gelitten und die schlagende Luvschot hatte sich
hoffnungslos mit irgendeinem Fall vertörnt. Die Klarierung verschoben wir auf
den nächsten Morgen.
Glücklicherweise waren wir Freitag schon einige Meilen
von Gibraltar entfernt. Wir hörten die Sturmwarnung auf UKW.

In der Nacht von Freitag auf Samstag hatten wir sogar
einige Stunden Nordwind, was uns so gut voranbrachte, dass wir in den frühen Morgenstunden
bremsen mussten, um nicht zu früh vor El Jadida anzukommen. Wir hatten nämlich
keine Karte! Ich hatte zwar Karten von Mohamedia und Casablanca, von Safi ,
Essauira, Anza, Agadir, Sidi Ifni, und Laayune besorgt, aber El Jadida fehlte.
Geplant waren ja Zwischenstopps in Casablanca und Essauira, aber nachdem wir in
Tanger ungeplant einen Tag vertrödelt hatten, entschlossen wir uns, zugunsten
des Zeitplans nur noch einen Hafentag in Marokko einzulegen, und El Jadida lag
da strategisch am günstigsten. Nun hatten wir zwar eine Hafenbeschreibung im
RoyalCruisingClub-Pilot, aber die schien mir eher gegen ein Einlaufen in der
Nacht zu sprechen.
„Approach: Entry is possible at night, but be sure to
correctly identify the port and starboard lights of the breakwaters. Several
vessels have mistakenly identified the green and red flashing lights inland on
a pharmacy and an antenna, which are brighter and have an alarmingly similar
characteristics. Confusing them will land you on the shallow coral reef which
extends over a mile out to the north….. Entry: Entry on a course of 220°
heading for the northern breakwater will take you into the harbour and clear of
dangers. Keep to the right of the breakwater, as there is a sandbar in the
centre. …”
Wir wollten also das erste Tageslicht abwarten. Die Sicht
war schlecht, als ich mich gegen Mitternacht in die Koje verholte.
Als ich um 0300 zur Wache erschien, hatte die Wache 1,
Gert und Richard aus den Positionsangaben des Leuchtfeuerverzeichnisses einen
Küstenverlauf skizziert und waren fleißig am peilen der Feuer. Sehr guter
Einsatz, so eine Crew wünscht man sich.
So sah
unser Kartenmaterial für die Ansteuerung aus:




Wir dümpelten also einige Meilen vor der Küste,
versuchten die richtige Position für ein Ansteuern mit 220° zu finden und
warteten auf den Morgen.
Ein interessantes Phänomen: Im Leuchtfeuerverzeichnis war
das grüne Feuer auf dem nördlichen Wellenbrecher mit einem weißen Sektor von
230°bis 235° beschrieben. Wir haben alle das Feuer von weiß auf grün wechseln
sehen, aber beim Einlaufen war eindeutig zu sehen, dass es keinen weißen Sektor
gab! Wishful thinking!
Kurzum, die Ansteuerung gelang natürlich, mit dieser
überwältigenden Fülle an Informationen. Steuerbord die Brecher auf dem Riff,
Backbord die Brecher auf der Flachwasserzone der Bucht und in der Mitte eine
sich verengende, unbetonnte, von 20m auf 6m ansteigende Fahrrinne. Also bei
Sturm wollte ich hier nicht einlaufen.
Wir legten also im Morgengrauen glücklich im wahrsten
Sinne des Wortes, denn so ein Landfall in El Jadida nach drei harten Seetagen
hat schon was, längseits an einer italienischen Yacht an. Insgesamt lagen 7
Yachten in zwei Päckchen im Hafen. Eine lag aufgegeben draußen auf dem Riff.
Ein Engländer hatte zwei Tage vor uns die Einfahrt verpasst.
"El
Jadida is a quaint busy fishing harbour with many attractions and a friendly
welcome for yachtsmen. "
Steht im RCC-Pilot, und es stimmt, genauso habe ich das
empfunden. Für mich ein Höhepunkt der Reise.
Aber genug geschwärmt, es gab einiges zu tun. Die
Einklarierung ging dank Achmed und Jürgens Französischkenntnissen in lediglich
2 Std über die Bühne und die Pässe bekamen wir diesmal gleich zurück.
Den ganzen Samstag und den Sonntagvormittag verbrachten
wir also in El Jadida mit Reparaturen, Einkäufen und Stadtbummel.
Auslaufen
war wegen folgender Meldung für 1400
angesetzt:
Eine gefährliche Welle mit 5m Höhe trieb bis 1400
zwischen Rabat und Essauira auf dem Atlantik
ihr Unwesen.
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zweiten Teil der Reise >>
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